GSB 7.1 Standardlösung

Artikel in „European Societies“ • 01.11.2018Was bedeutet eigentlich „Familie“?

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „European Societies“ präsentieren Dr. Detlev Lück und Kerstin Ruckdeschel zu diesem Thema Ergebnisse zweier BiB-Studien. Beide Studien sollen eine Wissenslücke schließen: Denn so einig sich die Familienforschung darin ist, dass die Unterschiede in den Familienformen und Geburtenraten in Europa auch mit kulturell unterschiedlichen Vorstellungen zu tun haben, so wenig ist darüber bekannt, wie eigentlich die kulturellen Vorstellungen von Familie in Deutschland genau aussehen.

Kind zeichnet Familie

In der einen Studie wurden 5.000 junge Erwachsene telefonisch mit Hilfe eines standardisierten Fragebogens interviewt. Dabei sollten sie unter anderem zu sieben verschiedenen Lebensformen jeweils angeben, ob es sich dabei um eine Familie handelt oder nicht. In der anderen Erhebung wurden Teilnehmer aufgefordert, eine in ihren Augen „richtige“ Familie zu zeichnen. Auch sie wurden anschließend telefonisch befragt. Doch zu diesem Gespräch gab es keinen Fragebogen; stattdessen wurde frei darüber geredet, was die Teilnehmer gezeichnet hatten und warum.

Familienleitbilder zwischen Einheit und Vielfalt

Die Befunde der beiden Studien weisen auf den ersten Blick in sehr unterschiedliche Richtungen. Bei der Bewertung der sieben Lebensformen zeigen sich die Deutschen hochgradig liberal und inklusiv: Jeder Vierte findet, dass alle sieben Lebensformen Familien sind – vom kinderlosen Paar über die Alleinerziehende und die Stieffamilie bis hin zum gleichgeschlechtlichen Paar mit Kindern. Die meisten anderen sehen zumindest fast alle dieser Lebensmodelle als Familie an, zum Beispiel alle, in denen Kinder leben. Daraus lässt sich schließen: Die Vielfalt der Familienformen ist in den Köpfen angekommen. Die Deutschen wissen, dass Familienleben bunt ist und begrüßen dies.

Familie in Bildern

Gemessen daran überrascht es zunächst, dass in den Zeichnungen sehr oft die „klassische“ Kernfamilie gezeichnet wird: Vater, Mutter und ein bis drei Kinder – mitunter noch mit Großeltern, einem Haustier oder einem Haus im Grünen im Hintergrund. Zwar gibt es auch einige Zeichnungen, die bewusst versuchen, eine unkonventionelle Familienform oder die Vielfalt insgesamt dazustellen; doch selbst im Gespräch am Telefon berichten viele Teilnehmer, dass ihnen bei dem Wort „Familie“ die „Vater – Mutter – Kind“-Vision als erstes in der Sinn kommt und dass sie sich genau das für sich auch wünschen würden. Selbst Menschen, deren aktuelle Familiensituation davon beträchtlich abweicht, sagen dies zum Teil.

Die Kernfamilie bleibt nach wie vor der wahrgenommene Prototyp für Familie

Lück und Ruckdeschel kommen zu dem Schluss, dass unter jungen Erwachsenen in Deutschland zwar eine Vielzahl von Vorstellungen über Familie existiert, die fast alle sehr offen und sehr liberal sind. Doch sie alle kreisen um das vertraute Bild der Kernfamilie als einer Art Prototyp für Familie. Wie andere leben, ist und darf vielfältig sein; was Menschen für sich selbst anstreben ist recht einheitlich: Vater, Mutter und (wenige) eigene Kinder.

Der Beitrag ist Teil des Themenheftes „Family Understandings in Contemporary Europe” der Zeitschrift “European Societies”. Herausgeber dieser Ausgabe sind Dr. Detlev Lück vom BiB und Anna-Maija Castrén.

Detlev Lück und Kerstin Ruckdeschel (2018): Clear in its core, blurred in the outer contours: culturally normative conceptions of the family in Germany. In: European Societies (20) 2018: 715-742

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