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Erfolgreiche Habilitation von Dr. Heiko Rüger im Fach Soziologie an der Universität Mainz

Datum 18.01.2018

In seiner Habilitationsschrift analysiert der BiB-Wissenschaftler den Zusammenhang von berufsbezogener räumlicher Mobilität mit Familie, Beruf und Lebensqualität. Im Interview äußert er sich zu zentralen Ergebnissen seiner Forschungsarbeit.

Die Zahl der Erwerbstätigen, die aus beruflichen Gründen in unterschiedlichen Formen räumlich mobil sind, hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Doch diese Entwicklung kann für die mobilen Erwerbstätigen Konsequenzen haben – unter anderem was die Paarbeziehung und die Familie, aber auch, was das eigene Wohlbefinden betrifft.

Dr. Rüger hat in seiner im November 2017 vollendeten Habilitation an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz die Verbreitung, Entwicklung und Formen sowie die individuellen und gesellschaftlichen Ursachen und Konsequenzen des berufsbezogenen räumlichen Mobilitätsgeschehens in Deutschland und weiteren europäischen Ländern untersucht. In insgesamt neun wissenschaftlichen Analysen widmete er sich unterschiedlichen Aspekten der Thematik.

BiB: Herr Dr. Rüger, in Ihrer Habilitation haben Sie neben den Konsequenzen auch die Verbreitung berufsbedingter räumlicher Mobilität anhand der Lebensverläufe von Erwerbstätigen untersucht. Worin sehen Sie die Ursachen des gestiegenen berufsbedingten Mobilitätsgeschehens der jüngeren Zeit?

Rüger: Zunächst einmal gilt ein hohes Ausmaß an räumlicher Mobilität als ein zentrales Merkmal moderner Gesellschaften. Vor dem Hintergrund einer immer stärker flexibilisierten und globalisierten Gesellschaft und Wirtschaft wird gerade die räumliche Beweglichkeit der Arbeit und damit auch der Arbeitskräfte zunehmend wichtiger. Parallel dazu hat ein Wandel innerhalb der Familien und der Geschlechterrollen eingesetzt, der zu einer höheren Wahrscheinlichkeit von Mobilität auf der Paarebene führt. Gestiegene Bildungs- und Erwerbsaspirationen der Frauen beeinflussen zudem die Art der gewählten mobilen Lebensform: Wenn zwei Berufskarrieren miteinander vereinbart werden müssen, treten verschiedene Formen der Pendelmobilität als Alternativen zu Umzügen in den Vordergrund. Dazu gehören etwa die Formen des täglichen und wöchentlichen Pendelns, der Vari- und Multi-Mobilität sowie der Fernbeziehungen.

BiB: Haben Sie Erkenntnisse gewonnen, inwiefern das räumliche Mobilitätsverhalten die Lebensbereiche Partnerschaft und Familie berührt beziehungsweise wie die Partnerschafts- und Familiensituation das Mobilitätsverhalten beeinflusst?

Rüger: Die Analysen mit Blick auf die verschiedenen Formen zirkulärer Pendelmobilität und deren Zusammenhang mit Merkmalen der Partnerschafts- und Familienentwicklung in Deutschland legen den Schluss nahe, dass besonders für Frauen aufwändige Mobilitätsarrangements nur schwer mit Elternschaft vereinbar sind. Insgesamt sind Mütter seltener beruflich mobil beziehungsweise mobile Frauen sind seltener Mütter. Zudem wurde in den Analysen deutlich, dass die berufliche Mobilität tendenziell mit einer traditionelleren Arbeitsteilung in der Paarbeziehung einherging, in der die Frauen bei der Kinderbetreuung und Hausarbeit am Ende nicht so stark entlastet wurden wie die Männer.

BiB: Wurden bei der gewählten Mobilitätsform geschlechterspezifische Unterschiede erkennbar?

Rüger: Ja. Es wurde deutlich, dass der Anteil der Frauen mit zunehmender Intensität der Mobilität abnahm. Dies galt vor allem bei der Gruppe der Erwerbstätigen, die aus beruflichen Gründen häufig auswärts übernachten müssen. Dort lag der Anteil an Frauen noch geringer als bei den täglichen Fernpendlern. Eine Rolle spielt hier auch der Bildungsstatus: So wiesen Personen mit höherem Bildungsabschluss tendenziell längere Pendeldauern auf, während sich Personen mit niedrigerem Bildungsabschluss häufiger unter den Nahpendlern wiederfanden.

BiB: Zeigten sich auch Auswirkungen der Mobilität auf das Wohlbefinden und die Gesundheit?

Rüger: Ein zentrales Ergebnis ist, dass für keine der untersuchten Mobilitätsformen und soziodemografischen Gruppen positive Effekte der räumlichen Mobilität auf die Lebensqualität nachweisbar waren. Die Analysen haben vielmehr gezeigt, dass eine als belastend wahrgenommene Pendelsituation negative Konsequenzen für die selbsteingeschätzte Gesundheit haben kann. Eine wesentliche Rolle spielt hier vor allem die Frage, inwieweit die Mobilitätssituation etwa beim Pendeln freiwillig gewählt ist oder nicht. Ein weiteres Ergebnis ist, dass ein negativer Gesundheitseffekt insbesondere für Frauen sowie für Personen mit Kindern nachgewiesen werden konnte. Es lässt sich vermuten, dass die Erwartungen hinsichtlich der zeitlichen und räumlichen Flexibilität mit Erwartungen an die Frauen- und Elternrolle in Konflikt stehen. Diese Rollenkonflikte könnten einen bedeutsamen Stressor darstellen.

BiB: Da stellt sich die Frage: Hat Mobilität auch positive Seiten?

Rüger: Ja, durchaus. Zu nennen sind hier vor allem verbesserte Berufs- und Einkommenschancen. Die Analysen haben beispielsweise ergeben, dass Erwerbstätige mit langanhaltender Pendelmobilität im Vergleich zu Erwerbstätigen mit geringen Mobilitätserfahrungen ein höheres Einkommen erzielten.

BiB: Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren Forschungsbefunden?

Rüger: Die erhöhte räumliche Mobilität und Flexibilität der Erwerbstätigen könnte anderen gesellschaftlich wünschenswerten Zielen, wie gleichen beruflichen Entwicklungschancen für Frauen und Männer, entgegenstehen. Hohe Mobilitätserfordernisse auf dem Arbeitsmarkt könnten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf insbesondere für Frauen weiter erschweren und damit deren Position am Arbeitsmarkt schwächen. Insgesamt bedarf die Thematik daher einer verstärkten Aufmerksamkeit der Akteure in Politik und Wirtschaft. Ein erster Schritt könnte darin bestehen, berufliche Mobilität in männlichen und weiblichen Lebensverläufen in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen und mit den möglichen individuellen und gesellschaftlichen Konsequenzen in den Blick zu nehmen und politische sowie betriebliche Maßnahmen daran zu orientieren. Hierbei ist ein auf die jeweiligen Bedürfnisse und Belastungen der mobilen Erwerbstätigen zugeschnittenes Bündel an Unterstützungsmaßnahmen als ein geeigneter Ansatz zu sehen.

Thema der Habilitation: Heiko Rüger (2017): Räumliche Mobilität, Familie und Gesellschaft. Quantitative Analysen zum Zusammenhang von berufsbezogener räumlicher Mobilität mit Familie, Beruf und Lebensqualität (Kumulative Habilitation, Fachbereich 02 – Sozialwissenschaften, Medien und Sport, Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

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